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Mundmasken für gehörlose Menschen

Bildbeschreibung: Foto von Ashley Lawrence
Foto: © Ashley Lawrence

Mit den Lockerungen zur Corona-Krise, dürfen die Menschen wieder einkaufen. Mal mit, mal ohne Mundschutz, je nachdem wo man gerade wohnt. Eigentlich denkt sich niemand etwas dabei, wenn man am Mundschutz denkt. Eben irgendein Stoff, der den Mund bedeckt. Doch für Menschen die das Lippenlesen als einziges Mittel nutzen können, um andere Menschen verstehen zu können, führt das zu Problemen. “Mundschutz barrierefrei” schlägt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten-Selbsthilfe vor. Für viele gehörlose oder Menschen mit stark eingeschränktem Gehör, ist das Lippenlesen, neben der Gebärdensprache, ein wichtiges Kommunikationsmittel, gerade wenn der Gesprächspartner die Gebärdensprache nicht beherrscht. "Mit den Masken bin ich von jeglicher Kommunikation abgeschnitten. Aufschreiben nimmt zu viel Zeit in Anspruch, das macht keiner. Das ist für mich wirklich eine große Herausforderung im alltäglichen Leben.", schildert Frau B gegenüber dem NDR.

Einer Studentin (Foto) aus den USA kam da eine Idee. Sie entwarf einfach Mundmasken mit einem Sichtfenster. "Ich hatte einfach das Gefühl, dass da eine riesige Gesellschaftsgruppe übergangen wird", sagte sie Ashley Lawrence "Lex 18". "Wir haben gerade alle Angst und das bedeutet, dass an einige Menschen einfach nicht gedacht wird. Ich fand es sehr wichtig, dass auch in Zeiten wie diesen, alle die Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren."

Auch im südspanischen Jerez de la Frontera haben sich freiwilliger Helfer gefunden, die jetzt Schutzmasken für gehörlose Menschen produzieren. Einer Schneiderin aus Hameln hat sich ebenfalls mit Mundmasken für gehörlose beschäftigt und nach vier Wochen ist es ihr gelungen eine Mundmaske, dessen Folie beim Sprechen nicht beschlägt und vor dem Waschen herausgenommen werden kann, herzustellen. Die Schneiderin will demnächst eine Anleitung für die Masken bereitstellen.

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e. V. sieht das Thema etwas kritischer und nimmt dazu wie folgt Stellung:
Das „Lippenlesen“, welches eine Maske mit Sichtfenster ermöglichen sollte, spielt für Gehörlose nur eine stark untergeordnete Rolle. „Lippenlesen“ ist sehr anstrengend und führt häufig zu Missverständnissen, denn selbst unter optimalen Bedingungen sind nur etwa 30 % des Gesprochenen bzw. der Laute anhand der Lippenbewegungen des Sprechers visuell wahrnehmbar – 70 % müssen erraten werden! Viele Mundbewegungen sind sich sehr ähnlich, z. B. „Mutter“ und „Butter“ oder „aus“ und „Haus“. Vor allem in angespannten Situationen (Arztbesuch, Klinikbesuch) ist es unmöglich, allein über das Lippenlesen alles zu verstehen.

In der Praxis haben Masken mit Sichtfenster zudem den Nachteil, dass die Fenster durch die Atemluft schnell beschlagen. Dann ist der Mund ohnehin schlecht zu sehen. Alternativ hierzu werden aktuell auch immer wieder durchsichtige Voll-Gesichtsschutz-Masken angesprochen bzw. von Händlern angeboten. Auch hier ergibt sich ein störendes Beschlagen durch die Atemluft, das die Ablese Qualität deutlich herabsetzt. Mehr noch aber enthalten diese Masken u. a. PVC, das z. B. von den Verbraucherzentralen als gesundheitsschädlich eingestuft wird.

Die Mund-Nase-Masken mit Sichtschutz oder aus komplett durchsichtigem Material werden aus den genannten Gründen vom Deutschen Gehörlosen-Bund nur unter Vorbehalt empfohlen. Die Entscheidung zur Nutzung dieser nur sehr begrenzten Hilfsmittel bleibt letztlich jedem gehörlosen und hörbehinderten Menschen entsprechend seinen individuellen Bedürfnissen selbst überlassen.

Bestehen bleibt die Tatsache, dass die Kommunikation für gehörlose und hörbehinderte Menschen mit einer/m Gesprächspartner/-in, der/die einen durchsichtigen oder undurchsichtigen Mund-Nase-Schutz trägt, stark erschwert ist.

Damit wollen wir aber keineswegs jenen Menschen mit Hörbehinderung widersprechen, die eine Mund-Nase-Maske mit Sichtschutz als hilfreich erachten: In der Gruppe der Menschen mit Hörbehinderung (von leichtgradig schwerhörig bis zu gehörlos) gibt es unterschiedliche, individuelle kommunikative Bedarfe, und manch eine/r profitiert stark vom Mundbild und somit womöglich auch etwas von einer Maske mit Sichtschutz. Wir können daher nur fordern: Es sollte jedes Hilfsmittel, welches Menschen mit einer Hörbehinderung bei der Kommunikation mit ihrem Umfeld unterstützt, aufgegriffen und angewandt werden. Wir vom Deutschen Gehörlosen-Bund e. V. stehen für Bilingualität, d. h. für ein Leben mit Deutscher Gebärdensprache und deutscher Sprache (in Laut- bzw. Schriftsprache). Jeder Weg zu gelingender Kommunikation wird von uns unterstützt.

Auch das Verwenden von Stift und Papier (schriftliche Kommunikation) ist eine hilfreiche und praktische Möglichkeit für die Kommunikation, weiterhin gibt es Spracherkennungsprogramme als App auf dem Smartphone, die im Alltag anwendbar sind. Alternativ bzw. ergänzend kann bei kurzen Gesprächen das Herunterziehen des Mund-Nase-Schutzes unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln helfen.

Für essenzielle und (vor allem in Corona-Zeiten lebens-) wichtige Gespräche, etwa mit medizinischem Personal, fordern wir jedoch, dass Dolmetscher/-innen für DGS und Deutsch über den Vermittlungsdienst Tess oder über Videotelefonie bzw. Webcam, mit iPad, Smartphone oder Laptop einbezogen werden. Wenn Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegekräfte FFP2- oder FFP3-Masken tragen, stellt sich die Frage des Sichtfensters ohnehin nicht.

Mit einer/m gebärdensprachkompetenten Gesprächspartner/in ist dagegen die Kommunikation in Gebärdensprache auch mit Schutzmaske (mit oder ohne Sichtschutz) weitestgehend möglich, weil die Gebärdensprache aus manuellen Komponenten (Handform, Handstellung, Ausführungsstelle und Bewegung) und nichtmanuellen Komponenten (Mimik, Mundbild, Mundgesten, Kopf- und Oberkörperhaltung, Blickrichtung) besteht. Über eine Distanz von zwei, fünf oder zehn Metern ist die Kommunikation per Gebärdensprache relativ problemlos möglich, selbst durch Glasscheiben oder Fenster.

Autor: kk / © EU-Schwerbehinderung



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