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"Es braucht Attraktive Anreize und Flexible Regelungen Statt Dienstverpflichtung"

Bildbeschreibung: Eine Pflegerin.
Foto: © cc0 / EU-Schwerbehinderung

Ein Gesetzentwurf der Landtagsfraktionen von CDU/SPD in Niedersachsen sieht vor, Pflegekräfte bei künftigen Epidemien möglicherweise zum Dienst zu verpflichten, um sich an den erforderlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der bedrohlichen Krankheit zu beteiligen.

Wie sehen das Pflegefachpersonen selbst? Gibt es bessere Vorschläge? Wir haben darüber mit Dennis Beer aus der Kammerversammlung der Pflegekammer Niedersachsen gesprochen. Der Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet auf einer neurologischen Station im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg. Beer ist Mitglied der Mitarbeitervertretung. Im Pflegekammer-Interview warnt er eindringlich vor einer Dienstverpflichtung für Pflegefachpersonen. In einer Pressemitteilung hat sich die Pflegekammer Niedersachsen sich zur Zwangsverpflichtung in der Pflege geäußert:

Herr Beer, was halten Sie von der Idee, Pflegende aufgrund einer Epidemie zum Dienst zu verpflichten?

Dienstverpflichtungen bei gleichbleibenden Arbeitsbedingungen wird die Kolleg*innen aus dem Beruf treiben. Eine solche Regelung wäre ein massiver Eingriff in die Persönlichkeits- und Berufsrechte der Menschen in Niedersachsen. Ich halte sie auch verfassungsrechtlich für höchst bedenklich. Hier kann es nur freiwillige Lösungen geben. Es braucht attraktive Anreize und flexible Regelungen statt Dienstverpflichtung. Ein solcher Vorschlag ist ein Affront gegenüber allen Beschäftigten, die schon der gegenwärtigen Corona-Pandemie über alle Maßen bereit sind, das System am Laufen zu halten. Die Idee, Kolleg*innen zu verpflichten, würde am Ende eine zusätzliche Belastung bedeuten, da diese wenig motiviert ihre Arbeit aufnehmen würden. Aus Gesprächen mit Kolleg*innen während der vergangenen Wochen weiß ich, dass ein Großteil der Pflegekräfte selbstverständlich bereit ist in Krisenzeiten deutlich mehr Einsatz zu zeigen und das Privatleben zurückzustellen. Kurzfristige Arbeitszeitveränderungen, Wechsel in fachfremde Bereiche und die Gefahr der eigenen Ansteckung werden ohne Klagen akzeptiert, wenn es die Situation erfordert.

Aus dem Beruf ausgestiegene Pflegefachpersonen gelten als Reserve in Krisenzeiten. Die #PflegeComeBack-Studie geht von bis zu 200.000 möglichen Berufsrückkehrern aus. Wie lassen sich diese motivieren, in den Beruf zurückzukommen?

Ganz klar müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Das fängt an bei flächendeckenden Tarifverträgen, geht über verlässliche Dienstpläne und altersgerechte Arbeitszeitmodelle bis hin zu neuen Versorgungsstrukturen. Als Pflegefachperson ist es heute kaum noch möglich, den Patient*innen und den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Eine Schicht ist wie ein Marathon: ausreichend Zeit für die uns anvertrauten Personen kann man sich nicht nehmen. Das frustriert und laugt aus. Wir haben gelernt, wie gute Pflege geht, können sie aber nicht mehr durchführen. Es ist wichtig, Berufsaussteiger*innen, die Angst vor der Rückkehr zu nehmen. Es ist völlig normal, dass es im medizinischen Bereich ständig neue Erkenntnisse gibt und Veränderungen anstehen. Rückkehrer brauchen Wiedereinstiegsprogramme, um schrittweise in aktuelle Entwicklungen herangeführt zu werden.

Was brauchen Pflegende jetzt und in Zukunft umso dringlicher?

Pflege muss mehr gehört und als eigenständige Berufsgruppe wahrgenommen werden. Die Corona-Pandemie hat eindrücklich gezeigt, was Pflegefachpersonen leisten. Hierauf müssen wir aufbauen! Die Wertschätzung muss erst recht nach der Corona-Krise weitergehen. Pflege muss mitgestalten und in Entscheidungen einbezogen werden! Und das auf allen Ebenen: sowohl in der Politik als auch in jeder einzelnen Pflegeeinrichtung. Die Pflege war lange genug fremdbestimmt und hiermit muss Schluss sein. Wir haben bei Entscheidungen mit am Tisch zu sitzen! Sei es in Krisenstäben, bei der Gesetzgebung oder wenn es darum geht, welche Aufgaben Pflegefachpersonen übernehmen sollen.

Autor: dm / © EU-Schwerbehinderung



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