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Auslaufmodell SMS – Exklusion statt Inklusion bei Notrufen?

Bildbeschreibung: Auf dem Bild ist ein altes klassisches Handy zu sehen.
Foto: © cc0 / EU-Schwerbehinderung

SMS ist vermutlich mit eines der weit verbreiteten Dienste, sollte man meinen. Faktisch scheint die SMS aber ein Auslaufmodell zu sein, wie eine aktuelle Statistik zeigt. Dabei spielt die SMS gerade für Menschen mit Behinderung eine große Rolle, wenn ihre Behinderung mit Sprachstörungen oder Gehörlosigkeit zu tun hat. 

 

Infografik: Auslaufmodell SMS | Statista
Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

 

Der SMS-Service ist nicht nur als Kommunikationsmittel im allgemeinen hilfreich, sondern dient vielen Menschen auch dazu, um beispielsweise einen Notruf auslösen zu können. Viele Einsatzleitstellen, wie die Polizei oder Feuerwehr, bieten dazu einen Faxservice an. Der oder die Notrufsuchende kann dann per SMS unter Angabe bestimmter Daten und der Position, mit der Anwahl eine bestimmte Rufnummer (regional- und providerabhängig) ein Fax an die entsprechende Notrufeinrichtung einsetzen. Einige Smartphone- Apps (wie auch die von EU-Schwerbehinderung) können solche Notrufe sogar automatisiert auslösen, oder per Knopfdruck, ohne dass das Smartphone in die Hand genommen werden muss (Mit Positionsdaten, Gesundheitsinformation und bei Bedarf automatischer Anrufauslösung)

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI) verfolgt nun neue Strategien und will eine Smartphone- App entwickeln, die ganz ohne SMS auskommt, also komplett über das Internet arbeitet. Das gerade bei der heutigen Netzabdeckung im Bereich des mobilen Internets, dabei für Menschen mit Behinderung Probleme entstehen, da diese dann kein Notruf mehr auslösen können, oder gar jene die noch „klassische“ Handys verwenden auf denen sich keine Apps installieren lassen, scheint dem BMWI  nicht zu interessieren, denn darauf hat man uns gegenüber keine Antwort geben wollen. Zur Netzproblematik meint das BMWI: „Die Problematik „kein stabiles Netz“ wurde bei der Entwicklung des Prototypens mitgedacht; Anforderung war, dass bereits eine geringe Bandbreite (EDGE) ausreicht, um einen Notruf abzusetzen“ – Gerade aber auch das „EDGE“ Netz ist genauso wenig verfügbar, wie sich bei Großveranstaltungen immer wieder zeigt. Selbst in Berlin, wenn viele Touristen in der Stadt sind, gibt es Situationen, die selbst in der Friedrichstraße das Absetzen eines Notrufes über das Internet unmöglich machen, wo aber SMS Notrufe (SMS to Fax) trotzdem funktionieren. 

Das BMWI schreibt in seiner Stellungnahme: „Insbesondere erschließen sich durch die Nutzung neuer Technologien positive Möglichkeiten, einen Notruf z. B. über eine App abzusetzen (u.a. exakte Standortbestimmung, Auslösen eines Notrufs in Situationen, in denen man sich durch einen Sprachanruf selber in Gefahr bringen würde, einfachere Notrufmöglichkeiten für Menschen mit Hör- und Sprachbehinderungen), die bei einem Sprachanruf oder auch einem Notruffax so nicht zu erreichen wären.“ – Das sich diese Funktionalität auch über SMS automatisiert erreichen lässt, scheint aber das BMWI nicht zu interessieren, denn die Nachweise die wir gegenüber dem BMWI darlegen konnten, blieben genauso unkommentiert. Laut BMWI soll die Notruf-App voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2020 erscheinen.

Seitens des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) gab es noch den Hinweis: „Den Bedürfnissen von Menschen mit Hör- oder Sprachbehinderung wurde durch die Änderung des § 45 des Telekommunikationsgesetzes vom 04.07.2017 Rechnung getragen, da der barrierefreie Notruf ab 01.07.2018 kostenfrei und rund um die Uhr (24 Stunden und 7 Tage pro Woche) in Gebärdensprache und in Schriftsprache über den Telefonvermittlungsdienst „Tess Relay Dienste GmbH“ in Echtzeit abgesetzt werden kann. Damit wurde eine langjährige Forderung des Deutscher Gehörlosen-Bundes e.V. erfüllt.“ – Wie uns die Tess Relay Dienste GmbH bestätigte, funktioniert auch deren Technologie nur über das Internet. Funkloch, Internetausfall oder eine Großveranstaltung in der Nähe? Auch da einfach nur Pech gehabt! 

Mit der neuen Notfall-App will das BMWI zusätzlich das Standortproblem abdecken. So soll die App die Standortdaten des Alarmauslösenden mit senden. Das diese Technik aber auch nur bedingt funktionsfähig ist, denn die präzise Standortlokalisierung ist nun mal nur unter freien Himmel möglich. Bereits in der eigenen Wohnung, kann es passieren, dass der nächste Funkmast als Standort verwendet wird und wenn dieser irgendwo anders steht, dann fahren die Einsatzkräfte an einen Ort, von dem aus dem Notruf gar nicht ausgelöst wurde.

Zur Zeit muss davon ausgegangen werden, dass die neuen Notfalltechnologien die das BMWI anstrebt, am Ende viele Menschen die wegen Sprach- oder Gehörlosigkeit behindert sind, zukünftig keinen Notruf mehr auslösen können, wenn das Internet nicht zur Verfügung steht.

Selbst auf der Veranstaltung der Übergabe der Teilhabeempfehlungen an die Bundesregierung, durch den Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Jürgen Dusel (wir berichteten), wurde das Thema mobiles Internet angesprochen und erwähnt, dass selbst in Teilen der Bundeshauptstadt Berlin, immer noch "Funklöcher" bestehen und somit selbst in der Bundeshauptstadt  kein flächendeckendes mobiles Internet verfügbar ist. 

Autor: kk / © EU-Schwerbehinderung



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