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MDK-Behandlungsfehler-Begutachtung: Vertrauen schaffen durch mehr Patientensicherheit

Bildbeschreibung: Mehrere Ärzte in einem OP-Saal.
Foto: © Richard Catabay

m vergangenen Jahr haben die MDK im Auftrag der Krankenkassen 14553 medizinische Sachverständigengutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern erstellt. Die Anzahl der Gutachten ist im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen und liegt damit auf dem Niveau der Vorjahre. In jedem vierten Fall (3.688) wiesen die Gutachterinnen und Gutachter einen Fehler nach. In jedem fünften Fall (2.953) bestätigte der MDK, dass der Fehler den erlittenen Schaden auch verursacht hat. Die Behandlungsfehlervorwürfe verteilen sich zu etwa einem Drittel auf den Bereich der ambulanten Versorgung und zu zwei Dritteln auf das Krankenhaus. Die Häufigkeit gutachterlich festgestellter Fehler im ambulanten und stationären Bereich unterscheidet sich kaum.

Verteilung auf Fachgebiete erlaubt keine Rückschlüsse

Unverändert zu den Vorjahren werden die meisten Fehlervorwürfe in den operativen Fächern Orthopädie, Unfallchirurgie und der Allgemeinchirurgie erhoben. „Daraus sind aber keine Rückschlüsse auf die Sicherheit in den jeweiligen Bereichen möglich. Es ist vielmehr so, dass Patienten in diesen Fächern mögliche Fehler leichter erkennen können als in anderen“, erläutert Dr. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDS.

Weder die Anzahl der festgestellten Behandlungsfehler noch die Verteilung auf bestimmte medizinische Fachgebiete sind repräsentativ für das Versorgungsgeschehen. „Aus wissenschaftlichen Studien ist jedoch bekannt, dass die tatsächliche Anzahl vermeidbarer Schäden durch Behandlungsfehler wesentlich höher liegt, als es unsere Zahlen vermuten lassen. Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Gronemeyer.

Bildbeschreibung: Das Bild zeigt ein Kreisdiagramm mit dem Titel: Gutachterliche Ergebnisse zu 14.553 vorgeworfenen Fällen

Neue Herausforderungen während der Pandemie meistern

Während der Corona-Pandemie ist das Gesundheitssystem einem erheblichen Stresstest unterworfen. Patienten und Pflegebedürftige müssen vor Infektionen geschützt und Erkrankte behandelt werden. Die enormen Leistungen der Beschäftigten in der medizinischen und pflegerischen Versorgung verdienen vorbehaltlose Anerkennung. Aber auch in Zeiten der Pandemie muss die Patientensicherheit mitgedacht und umgesetzt werden. „Es ist daher zu begrüßen, dass das Aktionsbündnis Patientensicherheit spezielle anonyme Fehlermeldesysteme für die Beschäftigten im Gesundheitswesen geschaffen hat, um Pandemie-bedingte Fehler frühzeitig erkennen und Sicherheitsmaßnahmen ableiten zu können. Sie sollten von möglichst vielen Einrichtungen genutzt werden“, sagt Prof. Dr. Astrid Zobel, Leitende Ärztin beim MDK Bayern.

Aus den aktuellen Erfahrungen werde aber auch deutlich, dass die Fokussierung auf das Infektionsgeschehen die Patientensicherheit auch auf andere Weise gefährden kann. „Denn die Verzögerung der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen hat ebenfalls negative Auswirkungen und kann Leiden und Gesundheitsschäden verursachen“, erklärt Zobel. Patienten können zu Schaden kommen, wenn Krebstherapien verschoben oder Schlaganfälle, Herzinfarkte und seelische Leiden zu spät behandelt werden. Trotz der Herausforderung durch die Pandemie sollten alle Patienten zeitgerecht medizinisch versorgt werden.

Coping-Strategie: Mit dem Virus leben lernen

„Wir gehen davon aus, dass es in dem Tunnelblick, den Corona verursacht hat, eine Unterversorgung anderer Patientengruppen gab – darauf haben wir schon sehr früh hingewiesen. Uns hat bewegt, dass wir nicht darauf hoffen dürfen, dass die Pandemie binnen einiger Wochen oder weniger Monate vorüber ist“, sagt Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende im Aktionsbündnis Patientensicherheit. Deshalb sollte eine Strategie entwickelt werden, wie das Versorgungssystem langfristig aufzustellen ist. Dafür sei ein koordinierter Plan notwendig, bei dem die regionalen Entscheider im Gesundheitswesen zusammengebracht werden sollten. „Das ist eine Chance für eine kluge, sektorenübergreifende regionale Versorgung ─ Kooperation statt Konkurrenz“, erläutert Hecker.

Wenn dauerhaft speziell separierte Kapazitäten für die Versorgung von Covid-19-Patienten nötig seien, so sei klar, dass die Krankenhäuser Patienten mit anderen Erkrankungen nicht in der gleichen Zahl und nicht an den gleichen Orten wie vorher versorgen können. Ein weiterer wichtiger Punkt seien die Entlassungsprozesse: Die Kooperation mit den Pflegeeinrichtungen müsse ganz neu gedacht werden.

Bessere Daten und Never Events bedeutsam für Sicherheitskultur

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit weist darauf hin, dass die Datenlage zu unerwünschten vermeidbaren Ereignissen in der Gesundheitsversorgung nach wie vor nicht ausreiche und die Nutzung der Fehlermeldesysteme noch unzureichend sei. „Sogar zu den Ereignissen mit Patientenschaden, die in der Regel vermeidbar sind, den sogenannten Never Events, gibt es in Deutschland keine Zahlen“, kritisiert Hecker.

Sorge bereitet dies auch den Medizinischen Diensten, die seit Jahren eine nahezu unveränderte Anzahl sogenannter Never Events in der Begutachtungsstatistik verzeichnen. Darunter sind eindeutig definierte und zu vermeidende Schadensereignisse wie Seitenverwechslungen, Medikationsfehler und Ähnliches zu verstehen, die zu gravierenden Schäden führen können. Meistens weisen solche Fehler auf unzureichende Sicherheitsvorkehrungen in der Versorgung hin. „Die Schaffung einer nationalen Never-Event-Liste, verbunden mit einer anonymen Meldepflicht, hat sich in zahlreichen Ländern bewährt und sollte auch in Deutschland umgesetzt werden“, sagt Gronemeyer. Für die systematische Fehlervermeidung seien die gezielte Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen und das Zählen der Schadensereignisse entscheidend. Denn nur dann könne man feststellen, ob die Maßnahmen zu weniger Fehlern und zu weniger Schäden führen.

Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Gesundheitspolitik von den Grünen teilt zur veröffentlichten Begutachtungsstatistik von Behandlungsfehlern der Gemeinschaft des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen mit:

„Unser Gesundheitswesen braucht eine andere Fehlerkultur und einen transparenteren Umgang mit Behandlungsfehlern. Die existierenden Zahlen sind oftmals nur die Spitze des Eisberges. Es wird von einer weit höheren Dunkelziffer ausgegangen. Wir fordern deshalb seit langem ein bundesweites Monitoring durch eine unabhängige Stelle. Zudem müssen sogenannte „Never Events“, also besonders grobe Behandlungsfehler, systematisch erfasst werden, um sie künftig zu vermeiden. In den Gesundheitseinrichtungen müssen endlich flächendeckend verbindliche Strukturen wie anonyme Meldesysteme eingeführt werden, die für eine bessere Sicherheitskultur und Fehlervermeidung sorgen. Es reicht nicht, wenn nur einzelne ambitionierte Einrichtungen vorangehen.

Medizinische Behandlungsfehler haben für die Betroffenen oftmals langwierige Auswirkungen. Neben dem erlittenen gesundheitlichen Schaden ist eine solche Situation oftmals mit emotionalen Belastungen verbunden - auch geschuldet durch die langwierigen Gerichtsprozesse. Gerade bei schweren Fällen, wo nicht eindeutig festgestellt werden kann, ob ein Behandlungsfehler Ursache für den Gesundheitsschaden war, ist schnelle und unbürokratische Hilfe gefragt. Wir brauchen deshalb endlich einen Härtefallfonds. In Österreich hat sich ein solcher Fonds bereits bewährt. Neben dem Härtefallfonds ist auch generell eine Beweislasterleichterung für Patientinnen und Patienten nötig. Obwohl das Problem dringend ist, sind Spahn und sein Ministerium bislang untätig geblieben. Bis heute ist nicht klar, wie der im Koalitionsvertrag von Union und SPD vorgesehene Prüfauftrag umgesetzt werden soll. Ich erwarte, dass die Bundesregierung sich diesem Thema ernsthaft und zügig widmet.“

Autor: dm / © EU-Schwerbehinderung



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